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Lesung der Autorin Rike Drust aus dem Buch "Muttergefühle. Zwei"

Do, 01.02.2018, 19:30 Uhr
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Die (ursprünglich aus Achim stammende) Autorin Rike Drust wird am 1. Februar 2018 um 19.30 Uhr im Renaissancesaal des Erbhofs aus ihrem Buch lesen.

Hier ein kleiner Auszug aus dem Buch „Muttergefühle. Zwei“ von Rike Drust:

 

"Geschlechterrolle rückwärts.

Der Hass auf Rosa gegen Hellblau.

Im OP des Krankenhauses fragten mich die Leute, die den Kaiserschnitt vorbereiteten: »Na, Frau Drust, was wird es denn?«

»Ein Mädchen.«

Daraufhin stellten sie die schicke indirekte OP-Beleuchtung um – von Hellblau auf Rosa. War ja nett gemeint. Sie wollten, dass ich mich entspanne. Ich allerdings fand das bescheuert. Meine Tochter konnte gern mit Rosa begrüßt werden, weil es eine schöne Farbe ist. Aber nicht, weil sie ein Mädchen ist.

Ich war diesen Leuten ausgeliefert. Klar, ich könnte losmeckern, dass Kinder aufgrund ihres Geschlechts Eigenschaften, Hobbys und Äußerlichkeiten aufgedrückt bekommen und ich das, freundlich gesagt, für verdammt falsch halte. Aber diese Leute konnten mit dem Skalpell ausrutschen oder mein Baby fallen lassen. Außerdem fand ich sie sympathisch und hatte nicht das Gefühl, dass es sich bei ihnen um »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen«- Typen handelte. Ich entschied mich dafür, ihnen mitzuteilen, dass ich diese Rosa-Hellblau-Mädchen-Jungs-Trennung für Quatsch halte, mein Sohn zum Beispiel Rosa toll findet, ich hingegen weniger, und dass noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Rosa voll die Jungsfarbe war. Die Leute im OP murmelten herum, dass sie das so noch gar nicht gesehen hätten. Sie schalteten zurück auf Hellblau, und dann holten sie bei allseits guter Laune meine Tochter raus. Leider ist für mich die Geschichte hier noch nicht vorbei.

Alles ist voll von Sachen nur für Jungs und nur für Mädchen. Aus den Regalen brüllen Spielzeuge, Süßigkeiten und sogar Gewürzgurken (Alter, echt mal!): »KAUF MICH, WENN DU EIN MÄDCHEN BIST. FÜR DICH IST DER ROSA PRINZESSINNENKRAM, WEIL DU SO SÜSS UND NIEDLICH BIST. ACH, DU BIST EIN JUNGE? DANN FINGER WEG, FÜR DICH IST DAS BLAUE. MIT KÄMPFEN UND STARKSEIN. UND WEHE, IHR VERTAUSCHT DA WAS!«

Ich habe vor einiger Zeit mal so getan, als wäre mir genau das passiert, und zwar mit rosa und hellblauen Smarties. Deshalb schrieb ich Nestlé auf die Facebook-Pinnwand.

»Hallo Nestlé, ich brauche Ihre Hilfe. Meine Tochter (2) hat heute aus Versehen von den Ritter-Smarties ihres Bruders (7) gegessen. Ich habe wirklich nur ganz kurz nicht hingeschaut, weil ich meinem Mann sein Bier bringen musste. Ein blaues Smartie konnte ich ihr noch aus dem Mund fischen, aber ich schätze, sie hat bestimmt vier bis fünf gegessen. Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll, weil die ja, wie auf der Verpackung steht, nur für Jungs sind. Ich habe große Angst, dass der Verzehr Einfluss auf ihre Prinzessinnenhaftigkeit hat. Was mache ich, wenn sie jetzt plötzlich anfängt, sich jungenhaft zu benehmen? Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich das absolut inakzeptabel fände, denn mir ist sehr wichtig, dass meine Tochter wie bisher wie ein Mädchen wirft, schießt, schnell anfängt zu heulen und später ganz schlecht in Mathe und Einparken wird. Ich habe ihr jetzt vier rote Smarties gegeben, weil das gemischt mit den blauen dann ja Lila ergibt, und Lila als Mädc!

henfarbe sollte hoffentlich die Jungswirkung neutralisieren. Kann ich sonst noch etwas tun, außer meinen Kindern immer wieder zu sagen, was und wie sie zu sein haben?«

Nestlé hat natürlich keine Rückrufaktion gestartet und auch nicht damit aufgehört, Menschen ihr Wasser zu stehlen usw., aber zumindest halbwegs lustig geantwortet. Vielen Menschen, zum Beispiel von den mehr als elftausend Leuten, die das gelikt haben, war klar, dass ich sehr wohl meine Genderkritik ernst meinte, sie aber in eine Satire eingewickelt hatte. Mehr als zweitausend Leute haben den Post geteilt, den Witz lustig weitergesponnen und mir gezeigt, dass auch sie das Rosa-Hellblau-Aufgezwänge bescheuert finden. Das tat gut.

Aber das Internet wäre nicht das Internet, wenn nicht Leute ohne Rechtschreibung und Kinderstube fordern würden, dass mir dummer ***** die Kinder weggenommen gehören, weil ich so dumm bin, dass sie weder meinen Witz noch meine Kritik verstanden haben. Und nein, das macht tatsächlich keinen Sinn."

Rubrik
Lesung/Literatur
Frauen

Veranstalter
Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Thedinghausen
Bianca Lankenau (M.A.)
Braunschweiger Straße 10
27321 Thedinghausen
Kontaktdaten
Telefon: 04204 8824
E-Mail:
Veranstaltungsinformationen
Eintritt:4 €, Eintrittskarten erhältlich in der Bücherkiste Riede und bei Buch & Papier Lange in Thedinghausen

Rike Drust©Andrea Ruester
Rike Drust©Andrea Ruester

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